Was kannst Du sehen und was nicht?
Alles was nicht menschlich ist kann ich ganz klar erkennen, wie jeder normal sehende Mensch auch - also Bäume, Sandkörner, Tiere, Wolken etc.
Aber alles was menschlichen Ursprungs ist, erkenne ich nur als Silhouette des Körpers ohne "Inhalt", d.h. ich kann kein Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Frisur, Kleidung oder Mimik des Menschen erkennen, der vor mir steht.
Was ist die Ursache?
KURZFASSUNG:
In meinem Fall wurde die Menschenblindheit durch das akute Lungenversagen während meines Komas ausgelöst. Obgleich ich ohne die lebensrettenden Maßnahmen der Mediziner bereits verstorben wäre, sieht mein Gehirn diese Eingriffe als Angriffe an und verbannt die Menschen aus meiner Welt.
LANGFASSUNG:
Normalerweise schläft der Patient während des künstlichen Komas um ihn zu schonen. Das war bei mir leider etwas anders.
Mein Körper war zwar ruhig gestellt, doch mein Gehirn und meine Sinne waren hellwach und haben somit sämtliche "Verletzungen" in und an meinem Körper durch Infusionen, Katheter, Sonden, Dialyse, Tubus, Lungenspülungen, ZVK/Sheldon, Umlagerung etc. schmerzhaft miterlebt.
Was medizinisch notwendig war um mich zu retten, hat mein Gehirn jedoch laut meinen Fachärzten und Psychologen in den völlig falschen Zusammenhang gesetzt:
Mein Gehirn, fühlt sich seither "schuldig", dass es nicht eingreifen konnte und mich dieser Tortur "schutzlos" ausgesetzt hat.
Damit das nicht noch einmal passiert, hat das Gehirn eine "Informationssperre" zwischen meinen Augen und meinem Gehirn verhängt.
Meine Augen sind absolut intakt, reagieren auf Helligkeit und Bewegung. Aber die Datenleitung zum Kopf ist von Seiten des Gehirns unterbrochen worden.
Das Gehirn möchte dadurch eine weitere Traumatisierung und Retraumatisierung durch das Feindbild "Mensch" verhindern.
Es ist ein Schutzmechanismus.
Kann man Menschenblindheit heilen?
Das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig ungewiss.
Wir hoffen es natürlich, dass ich in absehbarer Zeit wieder sehen kann, zumindest etwas besser als jetzt, doch da es überhaupt keine wissenschaftlichen und medizinischen Erfahrungswerte zur Menschenblindheit gibt, kann mir da kein Arzt einen ungefähren Zeitplan zur Heilung nennen.
Was wir mittlerweile rausgefunden haben ist, dass die Atemunterstützung sich positiv auf die Regeneration meines Gehirns auswirkt und ich nach einer adäquaten Zeit am Gerät - zwischen 8 und 12 Stunden - die Möglichkeit habe, dass ich für wenige Minuten die Augen eines Menschen wahrnehmen kann. Das klappt momentan nur bei Angehörigen oder mir nahestehenden Menschen.
Ich trainiere auch täglich mit Bildern mir wichtiger Menschen, um dem Gehirn zu suggerieren, dass diese keine Feinde sind.
Die Wissenschaft hat zu dieser Art von "Therapie" noch keine konkrete Meinung.
Viele Mediziner wissen nicht mal, dass die Menschenblindheit existiert und sind von der Diagnose total überrascht und zeitweise auch überfordert.
Für mich wäre es einfach schon ein echter Fortschritt, wenn sich Ärzte und Therapeuten aktiv an meine Menschenblindheit herantrauen würden.
Ich bin für Therapievorschläge offen. Einiges wurde bereits versucht, doch da gibt es sicherlich noch Luft nach oben.
Wer vom Fach ist und ne Idee hat, ich bin ganz Ohr!
Was ist die größte Herausforderung im Alltag?
Da ich mich selbst auch nicht sehe, werden Abläufe die für jeden von Euch zur Normalität gehören, für mich schon mal spannend. Ich seh mich weder wenn ich an mir runterschaue, noch im Spiegel. Mein Tagesablauf folgt deshalb einem strengen Muster. Bei manchem brauch ich Hilfe, anderes schaffe ich selbst.
Ich versuche alles erstmal selbst, doch speziell in der Küche oder Bad überlasse ich vieles meinen Angehörigen.
Denn da auch Objekte sobald sie von einem Menschen angefasst werden mit dieser Silouette verschmelzen, wäre es fatal, wenn ich statt einer Mohrrübe die ich in der Hand halte, stattdessen meinen Finger schnippel.
Nach außen hin ist die größte Hürde die Kommunikation mit Mitmenschen. Wer mir winkt, darf keine Reaktion von mir erwarten.
Eine Bedienung in einem Restaurant kann ich nicht ansprechen, da ich nicht visuell unterscheiden kann wer ist Gast und wer gehört zum Serviceteam. Ich schlussfolgere viel durch Gerüche und Stimmen, das klappt im Alltag bisher recht gut.
Obgleich es nicht einfach ist, setze ich mich aber bewusst immer wieder speziellen Situationen aus, um mich selbst zu trainieren. So war ich bereits in einer Disko, Bahnhof, Flughafen, Koncert... Geht nicht, gibt es nicht. Ich habe gelernt kreativ und aktiv zu sein!
Wie funktioniert Wahnehmung in Deiner Welt?
Die Natur hat es so eingerichtet, dass ein minderer oder fehlender Sinn, durch die anderen ausgeglichen werden kann - so ist das auch bei mir:
SEHEN:
In meiner Welt ohne Menschen, ist bspw. auch das Fernsehen spannend. Ich sehe nämlich die Kulissen, aber eben die Darsteller nicht.
Auch Fotos oder Alben haben ihren besonderen Reiz. Familienmitglieder schaffe ich mittlerweile nach über einem Jahr Training bildlich zuzuordnen.
Aber das ist immer tagesformanhängig. Nach einer Nacht ohne Albträume klappt das besser, als wenn ich in meinen Träumen mal wieder ertrinke und dabei nicht aufwache.
Generell habe ich sogar einen Vorteil, vor allem nachts.
Da Menschen für mich in der Dämmerung und Dunkelheit weiß ausgeschnitten werden, sehe ich Gefahren viel früher als meine Mitmenschen. Denn für euch erscheint ein Mensch in der Dunkelheit eben dunkel.
Am Tag hingegen ist meine Reaktionszeit mit der von sehenden Menschen vergleichbar.
Durch Abschätzen der Höhe und Geräusche kann ich Kinder von Erwachsenen unterscheiden.
Wo ich klar im Nachteil bin ist die Mimik. Bspw. kann ich zwar Riechen und Hören wenn mein Gegenüber neben mir weint, doch außerhalb des Raumes oder auf Sicht ist mir dies natürlich nicht möglich.
Auch bilden Menschenmengen noch eine natürliche Barriere für mich, denn ihre Körper verschmelzen zu einer Wand für mich.
HÖREN:
Das Hören erfolgt nun als einer der Hauptsinne meiner neuen Wahrnehmung.
Raschelndes Laub, flüsternde Personen im Raum, die Vibrationen von Reifen im Parkhaus, selbst das Klackern von Schuhabsätzen oder von Ohrringen im Wind kann ich hören. Manches ist angenehm, anderes fast schon schmerzhaft.
Kapselohrschützer liegen stets griffbereit, um mich vor zu starkem Lärm abschirmen zu können.
An den ruhigen und stillen Orten bin ich nun eher auffindbar als an hektischen oder in Menschentrauben.
RIECHEN & SCHMECKEN:
Neben dem klassischen differenzierten Riechen, kann ich Geruchsspuren in der Luft auch durch meine Zunge aktiv schmecken.
Ein jeder Mensch hat einen unverwechselbaren Eigengeruch, der sich aus den verschiedenen Körperflüssigkeiten zusammensetzt.
Dadurch kann ich fremde Personen, von mir wichtigen Menschen unterscheiden.
Beispielsweise zeigt mir die Urinkonzentration in der Luft an, welches Geschlecht vor mir steht, wie alt diese Person ungefähr ist und aus welchem Kulturkreis diese stammt.
Das klingt zwar faszinierend bei einzelnen Personen, doch in der Masse sind diese Gerüche eine Herausforderung.
FÜHLEN:
Speziell meine Fingerkuppen sind feiner ausgebildet und Berührungen erfolgen dadurch sanfter.
TRÄUMEN:
Auch das Träumen hat sich verändert. Das Gefühl hat übernommen. In Bilder kann ich nur bedingt träumen.
ALLTAG:
Wer nicht weiß, dass ich menschenblind bin, bekommt das lange Zeit nicht mit. Denn meine Augen reagieren auf Licht und Bewegung und solange ich nicht aktiv auf eine fremde Person zugehen soll, fällt meine "Gabe" gar nicht auf.
Ich habe mir angewöhnt stets überpünktlich am Treffpunkt zu sein, d.h. alle anderen müssen auf mich reagieren.
Auch beim Handschütteln bin ich derjenige der aktiv ist. Generell bin ich durch die Menschenblindheit aktiver und selbstbewusster geworden.
Gefahren kann ich anhand von Schwingungen in der Luft oder Vibrationen am Boden gut wahrnehmen und dadurch einschätzen.
Allerdings darf man nicht vergessen, dass diese Form der besonderen Wahrnehmung sehr anstrengend für mich ist und sehr viel Training bedeutet, mehrere Stunden jeden Tag, nunmehr schon über Monate.